In Bremen haben sie sich entschieden: Dort soll der Steuerzahler nicht mehr für Polizeieinsätze bezahlen, die durch Fußballfans oder besser gesagt Hooligans verursacht werden. Dass dieses Urteil im Rest der Republik nicht unbeachtet und unkommentiert, was klar. Ist doch der (Profi-) Fußball mittlerweile zum heiligen und wohl emotionalsten Kulturgut in unseren europäischen Gesellschaften geworden. TV-Sender und ihre Kollegen der schreibenden Zunft berichten über jede Flatulenz, am besten live. Dass dieses Urteil aber auch eine der vermutlich wesentlichsten Gerechtigkeitsfragen berührt, wird im emotionalen Aufschrei oft übersehen.

Die Lager sind gespalten. Während die einen rufen, dass die Millionäre in kurzen Hosen ruhig selbst für ihre Sicherheit zahlen sollen, sagen die anderen, dass man doch auch Volksfeste wie das Münchner Oktoberfest und Kulturveranstaltungen oder Demonstrationen – man denke an den G20 Gipfel in Hamburg – mit massivem Polizeiaufgebot versehe und dies auch vom Steuerzahler finanziert wird. Ist also der Fußball ein Rechtsgut zweiter Klasse, haben politische Krawallmacher einen anderen Stellenwert als die (un-)sportlichen Hooligans?

Um was geht es eigentlich

Genau das hat nämlich das Bremer Oberverwaltungsgericht entschieden. Es unterschied, denn es hatte auch nichts anderes zu entscheiden. Die große Frage nach der Gleichbehandlung stellte sich dem Gericht nicht. Das ist unserem Justizsystem immanent. Als Faustformel kann man sich das so vorstellen: Es wird nur entschieden, was auch beantragt wurde und die großen Fragen der Gerechtigkeit werden meistens nur in der höchsten Instand angedacht oder entschieden. Darunter macht man das, was die Buchstaben des Gesetzes hergeben und alles andere interessiert nicht. Und da in Bremen nun mal nur das Thema Kosten für Polizeieinsätze bei einem Hochrisikospiel zur Debatte stand, gab es auch nur dazu ein Urteil. Dieses aber wiederum lässt einen Rückschluss auf die Einstellung des Gerichts zu. Offensichtlich sieht es „reiche“ Fußballer in der Pflicht die Kosten selbst zu tragen. Andernfalls hätte es die Kosten Überwälzung wohl nicht verfügt. Und da sind wir schon bei einer mehr als elementaren Frage der Gerechtigkeit: Gehört Solidarität zur Gerechtigkeit oder ist es nur gerecht, wenn alle gleichbehandelt werden.

Konkret gesprochen: Sollen alle – unabhängig von den persönlichen Mitteln und Vermögen – Anspruch auf die gleichen Leistungen des Staates haben oder sollte das nach der jeweiligen Leistungsfähigkeit austariert werden. Sollen also die Starken (sprich Reichen) die Schwachen (sprich Armen) tragen? Das Gericht hat sich wohl für die Solidarität ausgesprochen und sich damit an die herrschenden Grundsätze gehalten. Wir leben ja eigentlich in einem Solidaritätssystem, denn sonst hätten wir ja alle auch die gleiche Einkommenssteuer zu zahlen anstatt prozentual vom jeweiligen Einkommen (auch wenn es dafür Tabellen gibt) den Staat zu bedienen.

Weitblick fehlt

Ist das aber überhaupt richtig, wird das überhaupt noch so wirklich gelebt? Hat die Solidarisierung in Zeiten der Globalisierung nicht massive Lücken und müsste angepasst werden? Ändert die Tatsache, dass internationale Großkonzerne und „Superreiche“ ihr Vermögen dem Zugriff des Staates durch abenteuerliche Steuermodelle („Panama-Papers“) oder auch ganz legal wir Apple oder Amazon entziehen ohne selbst auf die Vorteile der Gesellschaft zu verzichten, nicht die Rolle der Solidarität? Sollte doch schleunigst über eine Richtungsänderung oder Anpassung der Regeln nachgedacht werden, um diese Unwucht zu beseitigen: Alle solidarisch oder eben keiner, aber nicht wie jetzt nur die gezwungenermaßen, die sich dem Zugriff des Staates nicht entziehen können.

In dieser Diskussion sollte ernsthaft die Frage gestellt werden, welche Form der Solidarität heute angebracht ist, um eine gerechte Gesellschaft zu erhalten. Wer hier jetzt eine Antwort oder Lösung erwartet, der muss sich entgegenhalten lassen, dass wir das Thema schon gar nicht erst angehen. Lieber redet man über die Anderen, schimpft über die ungerechte Justiz zum Beispiel anstatt ernsthaft das Problem auf den Tisch zu bringen. Wie soll man da eine Lösung präsentieren können. Denn: Erst, wenn man darüber spricht ist auch der Ort und die Zeit mit Vorschlägen zu kommen.

Probleme werden nur oberflächlich behandelt

Zurück zum Thema Kosten des Polizeieinsatzes bei Fußballspielen. Leider liest man von den Kommentatoren nur über oberflächlichen Auswirkungen auf die Geldbeutel der Klubs. Dass wir in Zeiten des Wandels aber an weitergehenden Lösungen arbeiten müssen, um die Gesellschaft nicht zum Zerfall zu bringen, dass scheint keiner sehen oder kommentieren zu wollen. Nicht einmal dann, wenn der Profisport, nach all den Doping- und Korruptionsvorwürfen, endlich mal einen Steilpass spielt. Leichter als über die Bühne des Sports kann man solche verdrängten aber zwingend notwendigen Themen nicht in die Mitte der Gesellschaft tragen. Leichter kann man keine positiven Veränderungen anstoßen. Leichter kann man die Weichen nicht auf Zukunft stellen. Leichter kann man aber auch nicht erkennen, wie man – um weiter in der Sprache des Sports zu bleiben – Chancen vergibt. Und Chancen haben es ja so an sich, dass sie nicht so oft wiederkommen. Eine alte Fußballerweisheit sagt dazu: Wenn du deine Chancen vorne nicht reinmachst, kassierst du hinten garantiert ein Tor und verlierst das Spiel. Doppelt ärgerlich, weil man es ja selbst in der Hand hatte. Wollen wir also hoffen, dass die Chancen auf eine gerechte Gesellschaft nicht weiter so leichtfertig weggeworfen werden.