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© Foto Markus Schollmeyer

Der Abgas-Skandal und seine Folgen machen vor allem eines deutlich: Wenn Geld im Spiel ist, muss sich Gerechtigkeit hinten anstellen. Kann man ein solches Szenario überhaupt lösen und wenn dann wie?

Autokonzerne haben nicht nur Schummelsoftware verwendet, sie (fast alle, nicht nur VW!) haben auch die tatsächlich ausgestoßene CO2 Werte nicht korrekt angegeben. Sonst hätten die Menschen schnell gemerkt, dass es mit dem sog. umweltfreundlichen Auto doch nicht so weit her ist und ein Auto stattdessen eben bleibt, was es immer war: Eine starke Belastung für die Umwelt, dessen exakte Auswirkungen über die Klimakatastrophe für uns und die nachfolgenden Generationen nicht absehbar sind. Nun soll es aber nicht um das (schon schlimme und oft diskutierte) Umweltthema gehen, sondern schlicht die Frage, warum so etwas so lange und ohne Konsequenzen geschehen ist? Dass Geld Gerechtigkeit nicht nur verzerrt, sondern sie regelrecht kauft, ist den meisten bewusst. Schließlich habe nicht nur ich Bücher darüber geschrieben. Aber warum Autohersteller so doof sind, ihre Kunden zu belügen, das erfordert einen genauen Blick.

Das Gerechtigkeitsempfinden der Mehrheit wird einfach ausgeblendet

Jeder weiß, wer einen Anderen täuscht und über den Tisch zieht, wird sich dafür verantworten müssen, wenn es auffliegt. Juristen nennen das Betrug und der ist bekanntlich strafbar. Besonders dann, wenn es sich um so einen breit angelegten und systematischen Fall handelt. Würde das ein normaler Handwerksbetrieb machen, dann hätte er vermutlich am nächsten Tag schon ein Ermittlungsverfahren mit allen Konsequenzen am Hals. Bei den großen Autoherstellern aber bleibt alles ruhig. Haben sie bessere Argumente als ein normaler Betrieb? Argumente, die unser Strafgesetz aushebeln? Ist es für Straflosigkeit genug eine Säule der deutschen Wirtschaft zu sein und viele Arbeitsplätze „aufs Spiel setzen“ zu können. Reicht es vielleicht auch schon, wenn man einige Spitzenpolitiker persönlich kennt, weil man sich lange genug Lobbyarbeit geleistet hat?   Reicht es zu sagen, dass die Konsequenzen einer Strafe für das Land („Verlust von Arbeitsplätzen, weniger Steuereinnahmen, schlechte Reputation auf den Weltmärkten usw.“) so groß sind, dass man sie besser auch dann nicht ausspricht, selbst wenn sie mehr als verdient wäre. Ist es in diesem Zusammenhang weiter ok, wenn sich die leitenden Mitarbeiter Boni bezahlen, die auf eine Betrug gründen? Reicht das schon? Beides hat mit Geld zu tun. Vermutlich mit mehr Geld als man sich vorstellen will.

Die Macht des Geldes: Gerechtigkeit und Freiheit sind Nebendarsteller

Jeder vernünftig denkende Mensch wird diese Fragen mit Nein beantworten und zu Recht darauf verweisen, dass jeder andere Täter auch bestraft würde. Vor Justitia sollen ja alle irgendwie gleich sein. Und doch regiert das Geld hinein. Auch ohne übertriebenen Pessimismus darf man die These aufstellen, dass der Einfluß von Geld auch in Zukunft immer da sein wird. Geld bestimmt die Welt. Geld bestimmt, welche notwendige Heilbehandlung Kranke bekommen. Geld entscheidet über Leben und Tod. Deshalb wird Geld auch immer Gerechtigkeit beeinflussen, weil wir doch alle so abhängig vom Geld sind. Und welcher Abhängige schadet schon seinen Dealer, wenn er danach keinen Stoff mehr bekommt. Deshalb sollten wir uns einfach eingestehen, dass wir Abhängige sind, die ihren täglichen Schuß brauchen, um zu überleben und dafür jeden Preis bezahlen. Sogar den Preis der Gerechtigkeit. Diese Ehrlichkeit wäre angezeigt anstelle sich immer eine Illusion vorzugaukeln, wonach es das Gesetz schon richten wird und Gerechtigkeit bringt.

Gerechtigkeit ist keine Religion, sondern hat nur in der Realität einen Wert

Gerechtigkeit ist keine Religion, die mit Glauben arbeitet und deren Resultat man nach seinem Ableben erst so wirklich genießen können soll, sondern ein reelles Bedürfnis aller Menschen, die frei leben wollen. Gerechtigkeit ist die Basis der Freiheit und damit das Gegenstück zu Unterdrückung und Willkür. Wer Gerechtigkeit ihre Unabhängigkeit nimmt, weil er sie kaufen und beeinflussen kann, der darf alles, weil er keine Konsequenzen mehr zu fürchten hat. Das ist das Prinzip der Diktatur! Wer der Diktator ist, spielt für die verlorene Freiheit keine Rolle. Deshalb hilft nur ein grandioses Umdenken: Alleine Unabhängigkeit kann Freiheit und Gerechtigkeit erhalten, nicht anders herum. Die Türkei darf hier als mahnendes Beispiel genannt werden, auch wenn es dort um Macht anstatt nur Geld alleine geht. Freiheit und Gerechtigkeit geht in meinen Augen jedenfalls anders.

Im Abgasskandal aber bleibt alles weiter ruhig, ausser den Aktionen der Amerikaner. Gäbe es die nicht, wäre vermutlich alles so geblieben wie es ist. Auch das Lieblingsmotto der meisten Menschen (besonders hier in unserem Land) „es solle doch bitte alles am besten so bleiben wie es ist“, muss auf den Prüfstand gestellt werden (dürfen). Zumindest dann, wenn es um Freiheit und Gerechtigkeit geht. Beides hat (eigentlich) keinen Preis, sondern ist ein Wert unserer Gesellschaft. Wie sagte schon Oskar Wilde: Wer von allem einen Preis kennt, aber von nichts den Wert, ist ein Zyniker. Dem ist nichts hinzuzufügen.