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Arktis ohne Nordlichter – warum es sich trotzdem lohnt


Wer nur auf den Himmel wartet, verpasst womöglich die eigentliche Reise.
Von Markus Schollmeyer


Wenn Menschen Arktis hören, sehen viele sofort Nordlichter. Grüne Schleier am schwarzen Himmel, eine Holzhütte mit warm erleuchteten Fenstern und davor möglichst noch ein Rentier, das dekorativ in die richtige Richtung schaut. So sieht die Arktis in Reisekatalogen und auf Instagram aus.
Ich war im August auf Spitzbergen. Nordlichter gab es keine. Das war allerdings weder Pech noch eine Reklamation wert. In dieser Jahreszeit ist es dort schlicht zu hell. Wer im Sommer nach Longyearbyen reist und sich anschließend über fehlende Nordlichter beschwert, könnte auch mittags ins Kino gehen und den mangelnden Sternenhimmel beanstanden.
Natürlich hätte ich Nordlichter gern gesehen. Man muss aus einer verpassten Naturerscheinung keine Charakterprüfung machen. Aber Spitzbergen braucht sie nicht, um außergewöhnlich zu sein. Im Gegenteil: Wer die Arktis nur auf dieses eine Spektakel reduziert, übersieht ziemlich viel.
Schon der Anflug macht klar, dass man nicht einfach in einer weiteren europäischen Stadt landet. Unter dem Flugzeug liegen Berge, Geröll, Eis und Wasser. Kaum Straßen, keine ordentlich zurechtgemachte Landschaft, nichts, was den Eindruck erweckt, der Mensch habe hier das Kommando. Longyearbyen wirkt wie ein kleiner Außenposten in einer Gegend, der unsere Anwesenheit weitgehend egal ist.
Genau das macht einen Teil der Faszination aus. Die Arktis bemüht sich nicht um ihre Besucher. Sie stellt keine Kulissen auf und garantiert keine Aufführung zu einer bestimmten Uhrzeit. Das Wetter wechselt, Tiere tauchen auf oder eben nicht, und hinter dem Ortsausgang erinnert ein Eisbären-Warnschild daran, dass die vertrauten Regeln hier enden.
Auf der Fahrt durch den Fjord lag das Entscheidende nicht über mir, sondern vor mir: karge Berghänge, Gletscher, Wasser und eine Weite, die auf Fotos immer kleiner aussieht, als sie sich anfühlt. Dazu Papageitaucher, Walrosse und Minkwale. Schließlich sogar eine Eisbärin mit zwei Jungen. Kein Tier kam für uns auf die Bühne. Wir durften für einen Moment zuschauen. Mehr nicht – und genau deshalb war es so besonders.
Auch die Stille der Arktis ist keine romantische Wellness-Stille. Sie hat etwas Ernstes. Draußen auf dem Wasser oder zwischen den Bergen merkt man, wie wenig es braucht, damit die eigene Bedeutung wieder auf ein vernünftiges Maß schrumpft. Das ist nicht bedrückend. Es ist befreiend.
Dann sind da die Schlittenhunde. Im Sommer ziehen sie keinen Schlitten über Schnee, sondern einen Wagen über den Boden. Das klingt zunächst wie die Ersatzveranstaltung, weil der Winter gerade geschlossen hat. War es aber nicht. Die Hunde wollten los, sofort und mit einer Begeisterung, die keinerlei Motivationsseminar nötig hatte. Danach gab es Schokolade und Welpen. Manchmal ist eine Dramaturgie einfach nicht mehr zu verbessern.
Spitzbergen besteht außerdem nicht nur aus Landschaft und Tieren. Es sind auch die Menschen, die an einem Ort leben, an dem vieles komplizierter ist als anderswo. Für mich mit Rollstuhl und eingeschränkter Mobilität war nicht alles barrierefrei. Aber ich habe viel praktische Hilfsbereitschaft erlebt: am Flughafen, im Hotel, am Buffet oder vor einer Stufe zum Pub. Nicht als großes Schauspiel, sondern weil gerade jemand Unterstützung brauchte.
Vielleicht blieb mir die Reise gerade deshalb so deutlich im Kopf, weil sie nicht das erwartete Postkartenmotiv geliefert hat. Nordlichter wären ein Höhepunkt gewesen. Aber sie wären nicht die Arktis gewesen, sondern ein Teil von ihr.
Die Arktis ist das Licht, das im Sommer kaum verschwinden will. Sie ist eine Landschaft, die gleichzeitig leer und voller Leben ist. Sie ist das Warnschild am Ortsrand, das dunkle Wasser im Fjord, das Schnauben der Walrosse, die Ungeduld der Hunde und der kurze Moment, in dem irgendwo am Ufer eine Eisbärin mit ihren Jungen auftaucht.
Sie ist auch die Erkenntnis, dass eine Reise nicht misslungen ist, nur weil ein bestimmtes Bild fehlt. Wir planen oft einen Höhepunkt und behandeln alles andere wie das Vorprogramm. Dabei findet das eigentliche Erlebnis häufig genau dort statt, wo sich die Wirklichkeit nicht an unseren Plan hält.
Ich habe auf Spitzbergen keine Nordlichter gesehen. Dafür habe ich erlebt, wie groß die Welt noch sein kann. Das war mehr als ein Ersatz. Und es ist ein ziemlich guter Grund, wiederzukommen.

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