Selbstoptimierung und Verantwortung


„Du bist gut, so wie du bist.“ Der Satz klingt tröstlich. Ganz ohne Einschränkung stimmt er aber nicht. Wer anderen schadet, sie ausnutzt oder Gewalt ausübt, sollte sich ändern. Verantwortung für das eigene Handeln lässt sich nicht mit einem wohlklingenden Satz wegwischen.
Trotzdem steckt in ihm ein wichtiger Gedanke: Niemand muss seine Leistungsfähigkeit ständig steigern, um als Mensch etwas wert zu sein. Zwischen persönlicher Verantwortung und dem Zwang zur Selbstoptimierung liegt ein großer Unterschied.
Selbstoptimierung verspricht uns, aus jeder Stunde, jeder Eigenschaft und jeder Erfahrung mehr herauszuholen. Wir sollen effizienter arbeiten, besser schlafen, bewusster essen und selbst die Erholung so gestalten, dass sie uns anschließend produktiver macht. Irgendwann erscheint nicht mehr nur unser Verhalten verbesserbar, sondern unser ganzes Dasein unzureichend.
Damit öffnet sich die Tür zur Verwertung durch andere. Wer sich ständig fragt, wie er noch nützlicher werden kann, übernimmt leicht fremde Maßstäbe als eigene Ziele. Aus einem Menschen mit Wünschen und Grenzen wird ein Projekt, an dem immer weiter gearbeitet werden soll.
Ich kenne den Wunsch, Fähigkeiten zurückzugewinnen und Neues zu lernen. Nach meinem Schlaganfall musste ich vieles wieder üben. Manches übe ich noch heute. Ich tue das, weil ich selbstbestimmter leben will, nicht um den Beweis zu erbringen, dass ich meinen Platz in der Gesellschaft verdiene. Auch wenn etwas nicht besser wird, bin ich nicht weniger wert.
Es gibt Veränderungen, die notwendig sind. Ein Straftäter muss Verantwortung übernehmen und sein Verhalten ändern. Wer einen anderen Menschen verletzt hat, kann sich nicht darauf berufen, bereits „genug“ zu sein. Entscheidend ist, worum es bei der Veränderung geht: um die Folgen des eigenen Handelns für andere Menschen oder darum, immer mehr Leistung aus sich herauszupressen.
Ich darf an mir arbeiten, wenn ich das möchte. Ich darf Fehler erkennen und korrigieren. Ich darf mir Ziele setzen und mich anstrengen. Aber ich muss nicht jeden Teil meines Lebens verbessern, damit andere etwas mit mir anfangen können.
Mein Wert als Mensch ist keine Belohnung für gute Ergebnisse. Meine Verantwortung für mein Handeln bleibt trotzdem bestehen. Beides gleichzeitig auszusprechen ist vielleicht weniger eingängig als ein Motivationsspruch. Es ist aber ehrlicher.

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