Also lebe ein bisschen
Dein Tod wird an einem gewöhnlichen Tag kommen. Vielleicht hast du für den Abend etwas vor. Vielleicht steht Geschirr in der Spüle, eine Nachricht ist noch unbeantwortet und für nächste Woche hast du einen Termin ausgemacht. Die Welt wird weitergehen, obwohl deine Pläne offenbleiben. Das klingt hart. Es ist aber auch ein guter Grund, das Leben nicht dauernd auf später zu verschieben.Bei mirwäre es fast an einem gewöhnlichen Vormittag im November soweit gewesenDeshalb denke ich:
Wir tun oft so, als gäbe es für die wichtigen Dinge irgendwann einen passenden Zeitpunkt. Wenn die Arbeit ruhiger wird. Wenn mehr Geld da ist. Wenn wir uns besser fühlen, besser aussehen oder endlich genau wissen, was wir wollen. Bis dahin erledigen wir, was dringend ist, und vertrösten uns mit allem, was uns etwas bedeutet.
Ich kenne den Moment, in dem ein Leben plötzlich nicht mehr nach seinem bisherigen Plan weitergeht. Ein Schlaganfall hat mir nicht nur Fähigkeiten genommen. Er hat auch die Selbstverständlichkeit zerstört, mit der ich bis dahin vom nächsten Jahr ausgegangen bin. Das macht mich nicht zu jemandem, der seitdem jeden Morgen dankbar aus dem Bett springt. Oft genug ist schon das Aufstehen anstrengend. Aber ich weiß, wie schnell aus „später“ eine Möglichkeit werden kann, die es nicht mehr gibt.
Daraus folgt für mich kein Befehl, jeden Tag etwas Großes zu erleben. Dieses „Lebe jeden Tag, als wäre es dein letzter“ ist schon deshalb ein schlechter Rat, weil auch an einem guten Tag die Wäsche gewaschen werden muss. Und wer krank oder erschöpft ist, braucht manchmal Ruhe statt Abenteuer. Leben darf auch heißen, einen Nachmittag ohne schlechtes Gewissen zu vertrödeln.
