zur Klarstellung:Nicht alles ist Kampf oder Überwindung


Wenn ich verreise, schreiben mir Menschen in den sozialen Medien, wie mutig ich sei. Wenn ich von einem Erlebnis erzähle, nennen sie mich einen Kämpfer. Und wenn ich etwas selbst entscheide, sehen manche darin einen Beweis für Resilienz.
Ich weiß, dass sie mir damit etwas Gutes sagen wollen. Trotzdem erkenne ich mein Leben in diesen Worten oft nicht wieder.
Ja: Ich hatte einen Schlaganfall. Ich lebe mit einer Behinderung, die meinen Alltag verändert hat und mich bis heute einschränkt. Es gibt Dinge, die Mühe kosten, obwohl andere Menschen keinen Gedanken daran verschwenden müssen. Es gibt Tage, an denen ich erschöpft bin, bevor ich überhaupt richtig angefangen habe. Das möchte ich weder beschönigen noch aus meiner Geschichte streichen.
Aber wenn ich eine Reise buche, tue ich das nicht, um meine Behinderung zu überwinden. Ich will an einen Ort, der mich interessiert. Ich möchte etwas sehen, Menschen begegnen, vielleicht ein Tier beobachten oder vor einem Vulkan stehen. Die Vorbereitung kann aufwendig sein. Die Reise bleibt trotzdem eine Reise. Meine Neugier ist kein Therapieziel.
Wer mein Leben ständig als Kampf beschreibt, macht aus allem, was ich tue, eine Reaktion auf den Schlaganfall. Dabei treffe ich Entscheidungen aus denselben Gründen wie andere Menschen auch: weil ich Lust auf etwas habe, weil ich etwas ausprobieren will, weil mich ein Gedanke nicht loslässt. Manchmal klappt es, manchmal nicht. Manchmal macht es Spaß, manchmal ist es anstrengend. Nicht jeder Schritt braucht eine Heldengeschichte.
Das Wort „Kämpfer“ kann außerdem eine Erwartung mit sich bringen. Ein Kämpfer soll weitermachen, Haltung zeigen und möglichst nicht klagen. Was ist dann mit den Tagen, an denen ich keine Kraft habe? Mit Dingen, die ich nicht schaffe oder schlicht nicht tun will? Muss ich auch daraus noch eine Lektion über Stärke machen?
Ich will meine Schwierigkeiten benennen können, ohne bedauert zu werden. Und ich will von schönen Erlebnissen erzählen können, ohne dass jemand sie sofort zur Überwindung erklärt. Beides gehört zu meinem Leben. Keines davon ist die ganze Geschichte.
Vielleicht liegt das Problem darin, dass viele Menschen Behinderung vor allem als etwas sehen, gegen das man ständig ankämpfen muss. So wird schon ein gewöhnlicher Wunsch besonders: ein Konzert besuchen, Fußball sehen, eine Reise machen. Was bei anderen als Interesse oder Vorfreude gilt, bekommt bei mir eine Bedeutung zugeschrieben, um die ich nicht gebeten habe.
Dabei ist die Frage oft viel einfacher. Nicht: „Wie schaffst du das trotz allem?“ Sondern: „Wie war es?“ Nicht: „Was hast du dabei überwunden?“ Sondern: „Was hat dir gefallen?“ Dann könnte ich selbst erzählen. Vielleicht auch von einer Barriere, einem schlechten Tag oder einer Entscheidung, die mich Kraft gekostet hat. Aber ich müsste nicht erst die Rolle des Kämpfers annehmen, um gehört zu werden.
Ich habe mir mein Leben nach dem Schlaganfall nicht ausgesucht. Was ich heute damit anfange, möchte ich so weit wie möglich selbst bestimmen. Dazu gehört auch, wie ich darüber spreche.
Manches ist Kampf. Manches ist mühsam. Und manches ist einfach ein guter Tag, eine interessante Reise oder eine Entscheidung, auf die ich Lust hatte. Lasst es das auch sein.

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