Es darf nicht nur existieren was verwertbar ist


Wir sind erstaunlich gut darin geworden, allem einen Zweck zu geben. Ein Spaziergang fördert die Gesundheit. Lesen trainiert das Gehirn. Eine Pause steigert die Produktivität. Sogar Freundschaften sollen uns „weiterbringen“. Offenbar fällt es uns schwer, etwas einfach gelten zu lassen.
Natürlich ist es sinnvoll, mit Zeit und Geld verantwortlich umzugehen. Nur ist „Wozu ist das gut?“ keine Frage, mit der sich ein ganzes Leben vermessen lässt. Wer sie auf alles anwendet, findet irgendwann auch für Menschen nur noch Antworten in Form von Leistung, Nutzen und Kosten.
Ich habe lange in einem Beruf gearbeitet, in dem Ergebnisse zählten. Ich mochte das. Ich wollte etwas erreichen, Fälle gewinnen, für andere etwas bewegen. Nach meinem Schlaganfall konnte ich so nicht weitermachen. Mit der Arbeit brach auch ein Maßstab weg, an dem ich mich jahrelang gemessen hatte.
Dann merkt man, wie oft der Wert eines Menschen stillschweigend mit seiner Verwertbarkeit verwechselt wird. Was kannst du noch? Was machst du jetzt? Wann bist du wieder einsatzfähig? Solche Fragen können aus Interesse kommen. Trotzdem steckt in ihnen manchmal die Erwartung, dass man sein Dasein möglichst bald wieder durch eine Aufgabe rechtfertigt.
Es darf nicht nur existieren, was verwertbar ist.
Man darf auch nur sein, ohne Verwertung durch andere. Ohne die Pflicht, aus jeder Fähigkeit ein Angebot zu machen. Ohne den eigenen Tag danach zu beurteilen, ob jemand anders etwas davon hatte.
Dieser Satz gilt nicht erst für Menschen, die krank oder behindert sind. Er gilt für alle. Für den Nachmittag, an dem nichts erledigt wird. Für ein Gespräch ohne Ziel. Für ein Hobby, in dem man niemals besonders gut sein wird. Für einen Baum, der keinen Schatten auf unseren Balkon wirft. Für Kunst, die niemandem eine Lektion erteilt.

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