Wenn jeder nur noch für sich kämpft


Was aus einer Gesellschaft wird, in der die Folgen für andere niemanden mehr interessieren
Von Markus Schollmeyer
In unserer Gesellschaft kämpft jeder nur noch für sich. Für den eigenen Vorteil, die eigene Freiheit, das eigene Recht und den eigenen Platz. Das klingt zunächst vernünftig. Schließlich muss jeder sein Leben selbst führen. Problematisch wird es dort, wo die eigene Entscheidung als rein private Angelegenheit verkauft wird, obwohl andere ihre Folgen tragen müssen.
Wir haben uns angewöhnt, Freiheit vor allem vom eigenen Standpunkt aus zu betrachten. Ich will etwas, also steht es mir zu. Ich entscheide, also hat sich niemand einzumischen. Ich setze mich durch, also bin ich stark. Was diese Entscheidung bei anderen auslöst, gilt schnell als deren Problem. Rücksicht wird als Schwäche verstanden, Verantwortung als Zumutung und Solidarität als Leistung, die möglichst jemand anderes erbringen soll.
So entsteht keine freie Gesellschaft. Es entsteht eine Ansammlung von Einzelkämpfern, die zufällig denselben öffentlichen Raum benutzen.
Die Freiheit des einen endet nicht im luftleeren Raum
Fast jede Entscheidung hat Folgen. Wer seinen Vorteil durchsetzt, verändert damit die Möglichkeiten eines anderen. Wer Regeln nur dann akzeptiert, wenn sie ihm nützen, überlässt die Kosten denen, die sich nicht ebenso laut oder rücksichtslos behaupten können. Wer im Alltag immer zuerst fragt, was ihm zusteht, und nie, was sein Verhalten auslöst, verwechselt Freiheit mit Folgenlosigkeit.
Das beginnt bei scheinbaren Kleinigkeiten. Jemand stellt sein Auto so ab, dass er zwei Minuten spart. Ob ein Mensch mit Rollstuhl, Rollator oder Kinderwagen noch vorbeikommt, interessiert ihn nicht. Jemand drängelt sich vor, weil er es eilig hat. Dass alle anderen ebenfalls Termine und Sorgen haben, spielt keine Rolle. Ein Unternehmen spart Personal, nennt das Effizienz und überlässt die Überlastung den Beschäftigten und den schlechten Service den Kunden. Eine politische Forderung verspricht einer Gruppe Entlastung und verschweigt, wer dafür den Preis zahlen soll.
Jeder einzelne Vorgang lässt sich erklären. Zeitdruck. Wettbewerb. Unsicherheit. Eigene Belastung. Doch aus Millionen solcher Erklärungen entsteht eine Gesellschaft, in der sich immer mehr Menschen berechtigt fühlen, die Folgen ihres Handelns auszulagern.
Selbstverwirklichung ohne Verantwortung
Selbstbestimmung ist wichtig. Gerade wer erlebt hat, wie schnell andere über das eigene Leben verfügen wollen, weiß ihren Wert zu schätzen. Aber Selbstbestimmung bedeutet nicht, dass andere Menschen nur noch Kulisse für die eigenen Wünsche sind. Sie verlangt, die eigene Entscheidung selbst zu treffen und zugleich die Verantwortung dafür zu übernehmen.
Heute wird nahezu jeder Egoismus sprachlich veredelt. Rücksichtslosigkeit heißt Durchsetzungsvermögen. Gleichgültigkeit heißt Abgrenzung. Verbindlichkeit wird als ungesunde Verpflichtung dargestellt. Wer sich entzieht, schützt angeblich nur seine Energie. Natürlich muss niemand sein Leben für andere aufgeben. Doch zwischen Selbstaufgabe und völliger Verantwortungslosigkeit liegt ein großer Raum. Genau dort findet Gesellschaft statt.
Eine Partnerschaft, eine Freundschaft, eine Familie, ein Arbeitsplatz oder ein Gemeinwesen funktionieren nicht, wenn jeder nur die eigenen Bedürfnisse maximiert. Sie funktionieren, weil Menschen manchmal bleiben, obwohl Weggehen bequemer wäre. Weil sie zuhören, obwohl sie selbst reden möchten. Weil sie Verantwortung nicht nur dann übernehmen, wenn es Applaus dafür gibt.
Die Schwächeren bezahlen zuerst
Wenn Rücksicht verschwindet, trifft das nicht alle gleichermaßen. Wer gesund, wohlhabend, beweglich, laut und gut vernetzt ist, kann viele Hindernisse ausgleichen. Wer auf Hilfe, Barrierefreiheit, verlässliche Strukturen oder die Fairness anderer angewiesen ist, kann das nicht.
Eine blockierte Rampe ist für den einen eine Gedankenlosigkeit. Für den anderen ist sie das Ende des Weges. Eine ausgefallene Unterstützung ist für den einen ein organisatorisches Ärgernis. Für den anderen bedeutet sie, dass er nicht aus dem Haus kommt. Eine Entscheidung, die auf dem Papier alle gleich behandelt, kann in der Wirklichkeit Menschen sehr unterschiedlich treffen.
Das Erstaunliche ist: Viele geben gern Ratschläge, solange sie die Folgen nicht tragen müssen. Sie wissen, wie andere leben, essen, arbeiten, reisen oder mit einer Krankheit umgehen sollten. Wenn jedoch konkrete Rücksicht nötig wäre, wird aus dem gesellschaftlichen Problem plötzlich eine private Angelegenheit. Dann heißt es: Jeder muss eben selbst sehen, wie er klarkommt.
Genau darin zeigt sich der Zustand einer Gesellschaft. Nicht in ihren Sonntagsreden, sondern darin, was geschieht, wenn Rücksicht unbequem wird.
Empörung ersetzt Mitgefühl
Gleichzeitig waren die Möglichkeiten, sich öffentlich über das Verhalten anderer zu empören, noch nie so groß. Wir kommentieren, verurteilen und sortieren Menschen in Sekunden. Das wirkt wie gesellschaftliches Engagement, kostet aber häufig nichts. Ein empörter Satz ist schnell geschrieben. Jemandem tatsächlich beizustehen, Zeit zu investieren oder den eigenen Vorteil zurückzustellen, ist anstrengender.
So wächst eine seltsame Mischung aus moralischer Lautstärke und praktischer Gleichgültigkeit. Wir haben zu allem eine Haltung, aber immer seltener eine Verpflichtung. Wir verlangen Verantwortung von Politikern, Unternehmen, Institutionen und fremden Menschen. Die eigene Verantwortung beginnt dagegen möglichst erst hinter der nächsten Haustür.
Vielleicht ist das der Grund, warum sich so viele Menschen nicht nur allein, sondern auch verlassen fühlen. Sie leben unter anderen, ohne sich auf andere verlassen zu können. Jeder ist erreichbar, aber kaum jemand fühlt sich zuständig.
Vom Homo sapiens zum Homo solus
Der Mensch bezeichnet sich selbst gern als Homo sapiens, als vernünftigen oder weisen Menschen. Vielleicht beschreibt uns inzwischen ein anderer Begriff besser: Homo solus. Der Mensch, der allein steht. Nicht unbedingt, weil niemand in seiner Nähe wäre, sondern weil er sich für niemanden mehr zuständig fühlt.
Der Homo solus ist hervorragend vernetzt und gleichzeitig auf sich selbst zurückgeworfen. Er kennt seine Ansprüche, seine Grenzen und seine Interessen. Er weiß, was ihm nicht mehr zugemutet werden darf. Nur bei einer Frage wird es still: Was darf er anderen zumuten?
Aus dem vernünftigen Menschen wird so kein unabhängiger, sondern ein vereinzelter Mensch. Er kämpft um jeden persönlichen Vorteil und bemerkt zu spät, dass er damit genau jene Gemeinschaft schwächt, auf die auch er irgendwann angewiesen sein wird.
Eine Gesellschaft ist mehr als ein Markt der Interessen
Eine Gesellschaft muss Streit aushalten. Menschen haben unterschiedliche Bedürfnisse, Überzeugungen und Lebensentwürfe. Es wäre falsch, diese Unterschiede unter einem künstlichen Gemeinschaftsgefühl zu verstecken. Solidarität bedeutet nicht, dass alle dasselbe wollen oder ständig freundlich zueinander sein müssen.
Sie beginnt viel nüchterner: mit der Einsicht, dass das eigene Leben mit dem Leben anderer verbunden ist. Dass Rechte ohne Verantwortung hohl werden. Dass Freiheit nur dann Bestand hat, wenn sie nicht ausschließlich dem Stärkeren gehört. Und dass eine Entscheidung nicht allein deshalb richtig ist, weil man sie durchsetzen kann.
Wir müssen nicht jeden mögen. Wir müssen nicht jedes Problem lösen. Wir müssen auch nicht die ganze Welt auf unseren Schultern tragen. Aber wir sollten wieder bereit sein, die Folgen unseres Handelns anzusehen. Nicht wegzuerklären, nicht weiterzureichen und nicht automatisch demjenigen aufzubürden, der sich am schlechtesten wehren kann.
Die entscheidende Frage
Vielleicht sollten wir weniger oft fragen: Was bringt mir das? Und häufiger: Was richtet es bei anderen an?
Diese Frage verbietet keine Freiheit. Sie macht Freiheit erwachsen. Sie verlangt keine Selbstaufgabe, sondern Verantwortungsbewusstsein. Und sie erinnert daran, dass Stärke nicht nur darin besteht, sich durchzusetzen. Manchmal zeigt sie sich gerade darin, den eigenen Vorteil nicht bis zum letzten Zentimeter auszunutzen.
Eine Gesellschaft zerfällt nicht erst dann, wenn niemand mehr dieselben Werte teilt. Sie zerfällt, wenn die Folgen des eigenen Handelns grundsätzlich nur noch das Problem der anderen sind.
Wer ausschließlich für sich kämpft, kann manches gewinnen. Am Ende lebt er jedoch in einer Welt, in der auch niemand mehr für ihn einsteht.

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