Entscheidungen unter eingeschränkten Bedingungen

Über Freiheit Risiko und das Recht auf den eigenen Weg
Von Markus Schollmeyer
Freiheit zeigt sich nicht erst dann, wenn alle Möglichkeiten offenstehen. Dieser Zustand kommt im wirklichen Leben ohnehin selten vor. Wir entscheiden mit begrenzter Zeit, begrenztem Geld, begrenzter Kraft und unvollständigem Wissen. Krankheit und Behinderung machen diese Grenzen nur sichtbarer. Sie verändern den Spielraum. Sie beenden aber nicht das Recht, innerhalb dieses Spielraums selbst zu entscheiden.
Seit meinem Schlaganfall sind manche Dinge unmöglich geworden. Andere kosten mehr Kraft, brauchen Vorbereitung oder funktionieren nur mit Unterstützung. Wenn ich eine Reise plane, muss ich Zugänge, Mobilitätsservice, Erholungspausen und das Risiko berücksichtigen, dass mein Körper irgendwann nicht mehr mitmacht. Ich kann diese Bedingungen nicht wegdenken. Positive Sprüche ändern weder eine Lähmung noch Fatigue. Aber aus einer Einschränkung folgt noch keine Zuständigkeit anderer Menschen für mein Leben.
Genau dort entsteht ein Konflikt, den viele Menschen mit Behinderung kennen. Außenstehende sehen eine Grenze und halten sie für eine Entscheidung. Aus der Feststellung, dass etwas schwierig ist, wird der Satz, man solle es lieber lassen. Aus Sorge wird ein Rat, aus dem Rat eine Erwartung und aus der Erwartung manchmal der Anspruch, die vernünftigere Entscheidung für den Betroffenen treffen zu dürfen.
Das geschieht oft ohne böse Absicht. Wohlmeinender Paternalismus bleibt trotzdem Paternalismus. Wer mich schützen möchte, darf auf ein Risiko hinweisen. Er darf Fragen stellen und Unterstützung anbieten. Er darf jedoch nicht so tun, als gehe mit meiner Behinderung auch meine Urteilskraft verloren. Hilfe erweitert meinen Handlungsspielraum. Bevormundung verkleinert ihn.
