Eigener Vorteil und der Wert des Anstands
Markus Schollmeyer
Wer sich heute an Regeln hält, obwohl er sie zu seinem Vorteil umgehen könnte, bekommt dafür nicht unbedingt Anerkennung. Manchmal bekommt er einen Rat: Sei doch nicht so naiv. Als wäre Ehrlichkeit ein Verständnisproblem. Als hätte der anständige Mensch nur noch nicht begriffen, wie die Welt funktioniert.
Mich beschäftigt weniger die Frage, ob Menschen früher besser waren. Für eine solche Behauptung gibt es keinen überzeugenden Grund. Auch vergangene Generationen kannten Korruption, Rücksichtslosigkeit und die erstaunliche Fähigkeit, eigene Interessen mit höheren Werten zu verwechseln. Was mich beschäftigt, ist der Maßstab, nach dem wir Verhalten beurteilen. Fragen wir noch, ob etwas richtig ist? Oder genügt uns zunehmend, dass es jemandem etwas bringt?
Eigene Interessen zu haben ist selbstverständlich. Niemand muss sich dafür rechtfertigen, gut verdienen zu wollen, Anerkennung zu suchen oder sein Leben angenehmer zu gestalten. Auch Anstand verlangt nicht, sich ausnutzen zu lassen. Es gibt keinen moralischen Anspruch darauf, dass einer immer zurücksteckt, damit andere es bequemer haben. Aber zwischen dem berechtigten Wunsch nach einem guten Leben und der Bereitschaft, dafür andere zu täuschen oder zu beschädigen, liegt eine Grenze. Genau diese Grenze darf nicht davon abhängen, wie groß der mögliche Gewinn ist.
Rechtschaffenheit zeigt sich selten in den Situationen, in denen sie ohnehin bequem ist. Ein Versprechen zu halten, solange es mir nützt, ist keine besondere Leistung. Interessant wird es, wenn sich eine günstigere Gelegenheit bietet. Wenn ich einen Fehler verschweigen könnte. Wenn jemand anderes die Folgen tragen würde und ich damit durchkäme. Erst dann wird sichtbar, welchen Wert meine Grundsätze tatsächlich haben.
Wir kennen die Sprache, mit der solche Entscheidungen entschärft werden. Man müsse eben pragmatisch sein. Das Geschäft sei hart. In der Politik könne man nicht immer zimperlich sein. Und überhaupt: Die anderen machten es doch genauso. Jeder dieser Sätze kann eine reale Schwierigkeit beschreiben. Keiner beantwortet die Frage, ob das konkrete Verhalten vertretbar ist. Trotzdem werden sie gern wie ein Freispruch verwendet.
Besonders bequem ist der Hinweis auf die anderen. Er verwandelt eine eigene Entscheidung in eine angebliche Notwendigkeit. Ich habe dann niemanden hintergangen, sondern mich nur angepasst. Ich habe keine Grenze überschritten, sondern verstanden, wie das Spiel läuft. Wer so argumentiert, möchte die Vorteile seiner Entscheidung behalten und die Verantwortung dafür abgeben.
Problematisch wird es, wenn wir diese Erklärung übernehmen. Wenn wir den Täuschenden für clever halten und den Getäuschten für dumm. Wenn derjenige, der eine Regel umgeht, als durchsetzungsfähig gilt, während derjenige, der sie ernst nimmt, belächelt wird. Dann hat sich etwas verschoben: Der Erfolg verdeckt die Frage nach den Mitteln. Wer gewonnen hat, scheint im Nachhinein auch recht gehabt zu haben.
Das lässt sich ebenso an unserem Umgang mit Menschen beobachten, deren politische Ansichten wir teilen. Ein gebrochenes Versprechen empört uns beim Gegner. Beim eigenen Lager finden wir eine Erklärung. Eine Lüge ist dort ein Skandal und hier eine unglückliche Formulierung. Wir wollen uns für gerecht halten, behandeln aber vergleichbares Verhalten unterschiedlich, sobald unsere Interessen berührt sind. Anstand müsste gerade an dieser Stelle unbequem werden. Er müsste uns dazu bringen, auch den Menschen zu widersprechen, von denen wir profitieren oder denen wir uns zugehörig fühlen.
Ähnlich verhält es sich mit wirtschaftlichen Beziehungen. Wer Freiheit und Menschenrechte ernst nimmt, kann sie nicht nur dort verteidigen, wo das keine Aufträge kostet. Natürlich müssen Folgen abgewogen werden. Arbeitsplätze, Versorgung und wirtschaftliche Stabilität sind keine Nebensachen. Aber eine Abwägung verlangt, den Preis einer Entscheidung offen zu benennen. Sie verliert ihre Glaubwürdigkeit, wenn wir unsere Vorteile sichern und gleichzeitig so sprechen, als sei uns die Freiheit anderer uneingeschränkt wichtig.
Ich glaube nicht, dass das Problem allein darin besteht, dass Menschen zu wenig moralische Begriffe kennen. Die meisten wissen recht gut, was ein Verrat, eine Täuschung oder eine Ausrede ist. Schwieriger ist es, dieses Wissen auf sich selbst anzuwenden. Für das eigene Verhalten besitzen wir einen Vorrat an Erklärungen, den wir anderen selten zugestehen. Wir kennen unseren Druck, unsere Angst und unsere Bedürfnisse. Bei anderen sehen wir vor allem die Tat.
Deshalb reicht die Forderung nach besseren Menschen nicht aus. Wir müssen auch fragen, welche Entscheidungen wir belohnen. Wenn Rücksichtslosigkeit Vorteile bringt und ihre Folgen bei anderen bleiben, kann man nicht allein mit Appellen dagegenhalten. Verantwortung braucht Konsequenzen. Wer Vertrauen missbraucht, muss damit rechnen, es zu verlieren. Wer sich Vorteile durch Täuschung verschafft, darf nicht selbstverständlich darauf bauen können, dass alle nach kurzer Empörung wieder zur Tagesordnung übergehen.
Dabei müssen wir Menschen zugestehen, Fehler einzugestehen und ihr Verhalten zu ändern. Rechtschaffenheit bedeutet keine makellose Biografie. Ein Mensch kann falsch handeln und später Verantwortung übernehmen. Entscheidend ist, ob er die Folgen anerkennt oder lediglich bedauert, erwischt worden zu sein. Eine Entschuldigung wird glaubwürdig durch das, was danach geschieht.
Und wir sollten auf diejenigen achten, die sich im Alltag anständig verhalten, ohne dafür eine Bühne zu bekommen. Menschen, die einen Irrtum zu ihren Gunsten korrigieren. Die eine Zusage einhalten, obwohl ihnen inzwischen etwas Besseres angeboten wurde. Die jemanden fair behandeln, von dem sie nichts mehr brauchen. Solches Verhalten trägt unser Zusammenleben. Wer ständig befürchten muss, getäuscht zu werden, verliert Freiheit: Er muss kontrollieren, absichern und misstrauen, wo er sich eigentlich auf andere verlassen können sollte.
Leben wir also in einer Zeit, in der Interessen und eigene Vorteile über Anstand und Rechtschaffenheit stehen? Ich würde daraus keine pauschale Beschreibung aller Menschen machen. Aber ich sehe eine Haltung, der wir entschieden widersprechen sollten: die Vorstellung, dass sich ein fragwürdiges Verhalten durch seinen Ertrag rechtfertigt.
Wir müssen nicht auf eigene Interessen verzichten. Wir müssen bereit sein, ihnen Grenzen zu setzen. Auch dann, wenn niemand hinsieht und uns keine Strafe droht. Gerade dann entscheiden wir, ob unsere Überzeugungen mehr sind als eine öffentliche Selbstdarstellung.
Eine Gesellschaft verliert ihren Anstand nicht schon dadurch, dass Menschen eigennützig handeln. Sie verliert ihn, wenn sie diejenigen für dumm hält, die es aus Überzeugung nicht tun.
