Arbeiten um zu leben oder leben um zu arbeiten


Die Frage klingt nach einer einfachen Entscheidung. Natürlich arbeiten wir, um zu leben. Wer würde schon ernsthaft das Gegenteil behaupten?

Zugegeben: Ich habe das auch erst nach dem Schlaganfall kapiert:


Und trotzdem verhalten wir uns oft so, als wäre Arbeit der Mittelpunkt, um den sich alles andere zu drehen hat. Wir verschieben Reisen auf später, Erholung auf das Wochenende und Wünsche auf die Rente. Selbst wenn wir frei haben, überlegen wir, ob wir diese Zeit „sinnvoll genutzt“ haben. Als müsste sogar das Leben außerhalb der Arbeit noch eine Leistung erbringen.
Ich kenne den Reiz der Arbeit. Ich war gern Anwalt. Ich mochte die Auseinandersetzung, das Denken unter Druck, den Moment, in dem ich für jemanden etwas erreichen konnte. Arbeit kann Freude machen, Sinn geben und ein Teil der eigenen Identität sein. Daran ist nichts falsch.
Schwierig wird es, wenn aus einem Teil das Ganze wird.
Nach meinem Schlaganfall konnte ich nicht einfach dort weitermachen, wo ich aufgehört hatte. Mein Körper setzte Grenzen, die sich weder mit Disziplin noch mit gutem Willen wegverhandeln ließen. Plötzlich stand nicht nur die Frage im Raum, was ich beruflich noch tun könnte. Es ging auch darum, wer ich ohne meinen bisherigen Beruf überhaupt war.
Auf so eine Frage bereitet einen niemand vor. Denn unsere Gesellschaft fragt bei einer Begegnung ziemlich schnell: „Und was machst du?“ Gemeint ist selten, wie man lebt, worüber man nachdenkt oder was einem wichtig ist. Gemeint ist der Beruf. Die Antwort soll möglichst kurz sein und nach etwas klingen.
Wer nicht mehr in dieses Muster passt, spürt, wie fest Arbeit und Wert miteinander verknüpft sind. Man beginnt sich zu erklären, manchmal sogar zu rechtfertigen. Dabei ist ein Mensch nicht weniger wert, weil er weniger leisten kann. Und er gewinnt seinen Wert auch nicht erst zurück, wenn er wieder etwas Vorzeigbares produziert.
Ich möchte weiterhin schreiben, erzählen und etwas bewegen. Das ist mir wichtig. Aber ich kann mein Leben nicht mehr um starre Arbeitszeiten und dauernde Verfügbarkeit herum bauen. Ich brauche Pausen. Manchmal viel früher, als ich es gern hätte. Das ist keine Haltung zur Arbeit, sondern eine Tatsache meines Lebens.
Vielleicht musste ich gerade deshalb neu lernen, was „arbeiten, um zu leben“ für mich bedeutet. Es heißt, dass Arbeit einen Platz in meinem Leben bekommen muss, der zu meinen Möglichkeiten passt.
Die Frage geht allerdings über meine eigene Geschichte hinaus. Wer ständig Überstunden macht, gilt schnell als engagiert. Wer pünktlich geht, muss erklären, warum. Wer krank ist, spürt manchmal noch im Krankenbett den Druck, möglichst bald wieder zu funktionieren. Wir haben uns an solche Erwartungen gewöhnt, obwohl sie uns Zeit und Kraft kosten, die niemand zurückgeben kann.

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