Die Erwartung eines Dopaminfeuerwerks
Essay von Markus Schollmeyer
Manchmal habe ich den Eindruck, dass ein Erlebnis heute eine Aufnahmeprüfung bestehen muss. Es soll sofort begeistern. Ein Buch muss uns umhauen, eine Reise muss unvergesslich sein, ein Abend muss sich lohnen. Selbst die freie Zeit bekommt einen Arbeitsauftrag: Bitte liefere ein gutes Gefühl. Möglichst gleich.
Ich nenne das die Erwartung eines Dopaminfeuerwerks. Damit meine ich keine medizinische Diagnose, sondern einen Anspruch, der mir immer häufiger begegnet: Etwas muss einen schnellen, spürbaren Kick auslösen, um unsere Aufmerksamkeit zu verdienen. Bleibt der aus, liegt das Urteil nahe: langweilig. Nichts für mich. Weiter.
Natürlich mag auch ich die großen Momente. Wer eine Bärin mit ihren Jungen in der arktischen Landschaft sieht, muss sich nicht zur Begeisterung erziehen. Solche Erlebnisse sind kostbar. Schwierig wird es, wenn sie zum Maßstab für alles werden, was dazwischenliegt. Dann sieht ein gewöhnlicher Nachmittag ziemlich schlecht aus. Dabei hat er nichts falsch gemacht. Er war nur ein Nachmittag.
Es gibt Bücher, die ihre Wirkung erst nach einigen Seiten entfalten. Menschen, die beim ersten Gespräch wenig sagen und beim dritten etwas, das man lange behält. Eine neue Beschäftigung kann zunächst mühsam sein, weil man noch nicht weiß, worauf man achten muss. Wer früh weiterzieht, kann gute Gründe dafür haben. Er kann aber auch genau den Moment verpassen, in dem etwas interessant geworden wäre.
Der Anspruch auf sofortige Begeisterung verändert die Art, wie wir auswählen. Wir fragen dann weniger, was uns interessiert, und häufiger, was uns schnell genug unterhält. Beim Lesen warten wir auf die nächste Überraschung. Im Gespräch auf den Satz, der hängen bleibt. Auf Reisen auf den Anblick, den wir schon vor der Abfahrt im Kopf hatten. Alles andere erscheint als Wartezeit.
Dabei beginnt Neugier häufig mit viel weniger. Man sieht etwas und möchte wissen, was es ist. Man hört einen Gedanken und widerspricht ihm innerlich. Man bleibt stehen, obwohl es dort offenbar nichts Besonderes zu sehen gibt. Das ist zunächst kein überwältigendes Gefühl. Es ist ein Anlass, sich mit etwas zu beschäftigen. Was daraus wird, ist offen.
Diese Offenheit hat für mich viel mit der Lust aufs Leben zu tun. Ich möchte etwas erleben, ohne vorher eine Begeisterungsgarantie zu verlangen. Sonst müsste ich jede Entscheidung davon abhängig machen, ob sich der Aufwand sicher auszahlt. Gerade unter schwierigen Bedingungen wäre das eine ziemlich zuverlässige Methode, zu Hause zu bleiben. Denn Aufwand ist gewiss. Freude lässt sich nicht verbindlich buchen.
Ich kenne Tage, an denen schon die Vorbereitung Kraft kostet. An solchen Tagen wäre es absurd, auch noch zu verlangen, dass sich alles großartig anfühlt. Manchmal reicht es, dass ich etwas selbst entschieden habe und neugierig geblieben bin. Vielleicht war ein Ausflug anstrengend. Vielleicht war das Gespräch mittelmäßig. Trotzdem möchte ich mir die Möglichkeit erhalten, beim nächsten Mal wieder loszufahren oder jemanden zu treffen.
Das bedeutet nicht, jede Enttäuschung schönzureden. Ein schlechtes Buch darf man weglegen. Eine Reise kann misslingen. Niemand muss aus einem belanglosen Abend eine Lektion über Dankbarkeit machen. Ich misstraue nur dem schnellen Schluss, dass fehlende Begeisterung bereits fehlenden Wert beweist. Manche Dinge muss man genauer kennenlernen, bevor man überhaupt beurteilen kann, was sie einem geben.
Auch Ruhe gerät unter diesem Anspruch leicht in Rechtfertigungsnot. Wer einen freien Tag hat, soll etwas daraus machen. Wer nichts vorweisen kann, hat ihn offenbar verschenkt. Aber ich möchte nicht auch noch meine Erholung danach bewerten, wie ergiebig sie war. Ein Nachmittag auf dem Sofa braucht keine nachträgliche Veredelung zum Ritual der Selbstfürsorge. Man darf dort einfach liegen.
Vielleicht erwarten wir deshalb so viel vom nächsten Erlebnis, weil uns die Vorstellung unangenehm ist, dass auch ein gutes Leben gewöhnliche Stunden enthält. Dass nach einer aufregenden Reise wieder Wäsche gewaschen werden muss. Dass zwischen zwei schönen Begegnungen ein Dienstag liegt, an dem wenig passiert. Wir versuchen, diese Lücken zu schließen, und machen dabei aus dem nächsten schönen Moment eine Verpflichtung.
Ich möchte die großen Erlebnisse behalten. Aber ich möchte ihnen nicht die Aufgabe geben, mir fortwährend zu beweisen, dass mein Leben etwas taugt. Dafür wären selbst Spitzbergen und eine ganze Herde Walrosse auf Dauer überfordert.
Wenn ich irgendwo stehe und denke: Das würde ich gern genauer sehen, ist das für mich ein guter Anfang. Ich weiß dann noch nicht, ob daraus eine Geschichte wird, eine Reise oder nur eine halbe Stunde, an die ich später kaum denke. Ich möchte es trotzdem herausfinden. Und wenn es mich begeistert, umso besser.
