Was uns Freiheit wert ist
Wie viel ist uns Freiheit wert, wenn ihre Verteidigung den eigenen wirtschaftlichen Interessen widerspricht?
Von Markus Schollmeyer
Für die Freiheit zu sein, ist angenehm, solange die Rechnung an jemand anderen geht. Wir verteidigen sie in Sonntagsreden, in Unternehmensleitbildern und gelegentlich auch mit einem beherzten Beitrag im Internet. Schwieriger wird es, wenn ein wichtiger Auftrag daran hängt. Wenn ein Geschäftspartner keine Kritik verträgt. Wenn die politische Kraft, die unsere Steuern senken will, zugleich unabhängige Gerichte als Hindernis betrachtet. Dann bekommt das Bekenntnis zur Freiheit plötzlich einen Vorbehalt.
Mich interessiert dieser Moment. Wie viel ist uns Freiheit wert, wenn ihre Verteidigung den eigenen wirtschaftlichen Interessen widerspricht? Solange Überzeugung und Vorteil in dieselbe Richtung zeigen, erfahren wir darüber erstaunlich wenig. Die Bewährungsprobe beginnt dort, wo wir uns entscheiden müssen.
Der Philosoph Max Horkheimer schrieb 1939: „Wer aber vom Kapitalismus nicht reden will, sollte auch vom Faschismus schweigen.“ Das ist ein scharfer Satz. Er richtet den Blick auf wirtschaftliche Interessen hinter politischen Machtverhältnissen. Daraus einen Automatismus zu machen, nach dem Kapitalismus zwangsläufig im Faschismus endet, überzeugt mich allerdings nicht. Eine Wirtschaftsordnung allein erklärt weder das Entstehen einer Diktatur noch das Verhalten der Menschen, die sie ermöglichen. Die Frage nach dem wirtschaftlichen Nutzen autoritärer Macht bleibt trotzdem berechtigt.
Man muss dafür zunächst niemandem unterstellen, eine Diktatur zu wollen. Es reicht, sich eine Unternehmensleitung vorzustellen, die eine autoritäre Regierung für berechenbar hält: weniger Widerspruch, schnellere Entscheidungen, Ruhe im Betrieb. Vielleicht werden kritische Journalisten eingeschüchtert. Vielleicht verlieren Gewerkschaften ihren Handlungsspielraum. Das wird bedauert. Aber solange die Aufträge kommen, erklärt man die Zusammenarbeit zur wirtschaftlichen Notwendigkeit. Eine Entscheidung mit politischen Folgen erscheint dann wie eine bloße kaufmännische Pflicht.
Genau diese Entlastung finde ich fragwürdig. Ein Interesse hört nicht auf, ein Interesse zu sein, weil man es Sachzwang nennt. Wer einen Vorteil erhält, kann gute Gründe haben, ihn anzunehmen. Er sollte aber auch sagen können, welchen Preis andere dafür zahlen. Besonders bequem wird es, wenn der eigene Gewinn sofort messbar ist, während der Verlust an Freiheit Menschen trifft, deren Namen man nicht kennt.
Dabei wäre es billig, von jedem Unternehmen den Verzicht auf jeden problematischen Auftrag zu verlangen. An einem Geschäft können Arbeitsplätze hängen, an einem Arbeitsplatz eine Familie und an einer Familie mehrere Existenzen. Wirtschaftliche Verantwortung ist real. Wer solche Konflikte vom sicheren Schreibtisch aus mit einem moralischen Urteil erledigt, macht es sich zu leicht. Gerade deshalb braucht es eine ehrliche Abwägung. Die Aussicht auf einen Verlust kann eine Entscheidung erklären. Sie spricht uns nicht automatisch von jeder Verantwortung frei.
Außerdem lohnt es sich, genauer hinzusehen, wer welches Opfer bringen soll. Für einen Beschäftigten kann offener Widerspruch die Existenz bedrohen. Für einen vermögenden Eigentümer geht es womöglich um einen geringeren Ertrag. Beides lässt sich in Euro ausdrücken, aber daraus wird noch lange nicht dieselbe Belastung. Ich würde von demjenigen mehr erwarten, der mehr Handlungsspielraum hat. Freiheit zu verteidigen darf nicht bedeuten, den Mut immer bei denen einzufordern, die sich seine Folgen am wenigsten leisten können.
Wir kennen die Versuchung im Übrigen auch außerhalb großer Vorstandsetagen. Wer seinen Arbeitsplatz sichern will, könnte bereit sein, über die Benachteiligung anderer hinwegzusehen. Wer sich wirtschaftlich bedroht fühlt, könnte einem Politiker zustimmen, der verspricht, endlich durchzugreifen. Verständliche Sorgen können uns für Lösungen empfänglich machen, deren Folgen wir bei etwas mehr Abstand ablehnen würden. Das macht diese Sorgen weder lächerlich noch die angebotenen Lösungen richtig.
Für mich liegt hier der entscheidende Unterschied zwischen Freiheit und einer bloßen Vorzugsbehandlung. Wenn ich ungehindert reden darf, solange ich die richtigen Ansichten vertrete, habe ich eine Erlaubnis auf Widerruf. Wenn mein Unternehmen geschützt wird, weil es sich mit den Mächtigen gutstellt, genießt es eine Begünstigung. Freiheit verlangt Regeln, auf die sich auch derjenige verlassen kann, der gerade unbeliebt ist. Ihr Wert zeigt sich daran, was dem Kritiker, dem Konkurrenten und dem wirtschaftlich Schwächeren zugestanden wird.
Das kann unbequem sein. Eine unabhängige Presse kann ein Unternehmen Geld kosten. Beschäftigte, die ihre Interessen vertreten, können die Rendite schmälern. Öffentlicher Widerspruch kann ein Vorhaben verzögern. Daraus folgt keineswegs, dass jede Kritik berechtigt, jede Forderung vernünftig oder jede Verzögerung notwendig wäre. Wir dürfen über all das streiten. Gefährlich wird es, wenn aus dem Ärger über einzelne Entscheidungen der Wunsch entsteht, die Möglichkeit des Widerspruchs gleich mit abzuschaffen.
Der vermeintlich starke Beschützer bleibt schließlich ein Machtfaktor mit eigenen Interessen. Wer darauf vertraut, dass eine Regierung ihre unkontrollierte Macht dauerhaft nur gegen andere einsetzen wird, schließt eine gewagte Wette ab. Heute hilft die politische Nähe beim Geschäft. Morgen braucht man vielleicht Schutz vor genau dieser Politik. Dann wäre es gut, wenn die Institutionen noch bestehen, die man gestern für lästig hielt.
Ich halte deshalb wenig davon, Freiheit nur mit ihrem wirtschaftlichen Nutzen zu begründen. Natürlich ist es ein Vorteil, sich auf faire Verfahren und verlässliche Regeln verlassen zu können. Aber die Würde eines Menschen und sein Recht auf ein selbstbestimmtes Leben brauchen keine positive Wirtschaftlichkeitsrechnung. Wenn wir Freiheit nur dort verteidigen, wo sie sich lohnt, haben wir ihren Geltungsbereich bereits eingeschränkt.
Niemand wird jeden Konflikt zwischen Überzeugung und Vorteil widerspruchsfrei lösen. Ich würde mir auch nicht anmaßen, für jede denkbare Lage schon die mutige Antwort parat zu haben. Aber wir können aufhören, unsere Bequemlichkeit mit Alternativlosigkeit zu verwechseln. Wir können fragen, ob ein Geschäft wirklich unverzichtbar ist. Ob wir einen Nachteil tragen könnten. Und ob wir bereit wären, dieselbe Entscheidung zu rechtfertigen, wenn wir auf der anderen Seite ihrer Folgen stünden.
Die Frage lautet für mich deshalb: Welchen eigenen Nachteil bin ich bereit hinzunehmen, damit auch andere frei bleiben? Eine überzeugende Antwort beginnt dort, wo ich diesen Nachteil nicht mehr selbstverständlich jemand anderem zumute.
Quellenhinweis zum historischen Zitat: Max Horkheimer, Die Juden und Europa (1939). Belegt auch in Deutsche Biographie, Artikel „Horkheimer, Max“: https://www.deutsche-biographie.de/dbo071185.html
