Was bleibt, wenn nichts mehr perfekt ist?
Es gibt einen japanischen Begriff, der mir in letzter Zeit nicht aus dem Kopf geht: Wabi-Sabi. Er beschreibt eine Art, Schönheit im Unvollkommenen, Vergänglichen und Unfertigen zu sehen. Eine Tasse muss nicht makellos sein, um etwas Besonderes zu sein. Gebrauchsspuren erzählen davon, dass sie benutzt wurde. Dass jemand mit ihr gelebt hat.
Bei Dingen fällt uns dieser Gedanke oft leicht. Bei Menschen und ihrem Leben wird es schwieriger.
Wir planen, als könnten wir einen geraden Strich durch die Jahre ziehen: Ausbildung, Beruf, Beziehung, vielleicht ein paar große Reisen. Dazwischen möglichst wenig, was den Ablauf stört. Und wenn doch etwas passiert, soll es überwunden werden. Am besten so, dass man hinterher wieder genauso funktioniert wie vorher.
Ich kann das nicht. Seit meinem Schlaganfall 2019 ist vieles nicht mehr so, wie es war. Mein linker Arm funktioniert nicht mehr. Für Wege, die früher selbstverständlich waren, brauche ich heute einen Rollstuhl oder einen Stock. Meine Kraft und Konzentration setzen mir Grenzen, die sich nicht mit einem guten Spruch wegdiskutieren lassen.
Ich werde diese Einschränkungen nicht „Geschenke“ nennen. Behinderung ist für mich keine hübsche Metapher. Sie ist manchmal mühsam, manchmal zum Kotzen und oft auch deshalb so schwer, weil andere Menschen Barrieren errichten oder meinen, sie müssten meine Entscheidungen für mich treffen.
Vielleicht liegt gerade darin der Gedanke, den ich an Wabi-Sabi interessant finde: Ich muss den Bruch nicht schön finden, um mein Leben trotzdem für wertvoll zu halten.
