Wie das Streben nach Sicherheit den Mut verdrängt


vonMarkus Schollmeyer
Wir haben Sicherheit zu einem Maßstab für vernünftiges Leben gemacht. Wer einen berechenbaren Weg geht, gilt als verantwortungsbewusst. Wer etwas wagt, muss sich erklären. Mich beschäftigt daran weniger die Vorsicht selbst als die Selbstverständlichkeit, mit der wir sie zur richtigen Lebenshaltung erklären. Denn auch ein Leben, in dem wir möglichst wenig riskieren, hat seinen Preis.
„Sei vernünftig.“ Dieser Satz begleitet viele Menschen von klein auf. Gemeint ist damit häufig: Geh den bekannten Weg. Such dir etwas Sicheres. Gib das Erreichte nicht auf. Das kommt oft aus Zuneigung. Eltern möchten ihre Kinder vor Enttäuschungen bewahren, Freunde möchten nicht zusehen müssen, wie jemand scheitert. Doch aus dem Wunsch, einen Menschen zu schützen, kann die Gewohnheit werden, ihm jedes Wagnis auszureden.
Wer eine feste Stelle verlässt, hört sofort die Frage, wovon er künftig leben will. Eine berechtigte Frage. Weniger selbstverständlich ist die Frage, was es ihn kostet, noch zwanzig Jahre in dieser Stelle zu bleiben. Wer nach langer Zeit eine Beziehung beendet, muss erklären, warum er das gemeinsame Leben aufs Spiel setzt. Was das tägliche Bleiben mit ihm macht, lässt sich von außen schwerer erkennen. Das sichtbare Risiko erhält Aufmerksamkeit. Der langsame Verlust an Lebensfreude bleibt häufig privat.
Dadurch entsteht eine merkwürdige Schieflage. Für eine Veränderung verlangen wir gute Gründe. Für das Weitermachen genügt oft, dass es bisher auch so war. Als wäre das Bestehende allein deshalb vernünftig, weil es schon existiert.
Mut wird unter diesen Bedingungen schnell mit mangelnder Einsicht verwechselt. „Wie kann man nur?“ fragen wir, wenn jemand ohne Erfolgsgarantie aufbricht. Gelingt es ihm, bewundern wir später seine Entschlossenheit. Scheitert er, haben wir es angeblich immer gewusst. Derselbe Entschluss wird nach seinem Ergebnis beurteilt. Dabei konnte der Mensch dieses Ergebnis zum Zeitpunkt seiner Entscheidung gerade nicht kennen.
Das macht es bequem, mutige Menschen im Nachhinein zu bewerten. Wer abwartet, kann sich später auf die Seite der Klugen stellen. Derjenige, der gehandelt hat, trägt die Folgen. Und gelegentlich auch noch den Spott derer, die selbst nichts gewagt haben.
Natürlich ist nicht jedes Risiko klug. Wer Verpflichtungen hat, muss sie in seine Entscheidung einbeziehen. Wer Ersparnisse aufs Spiel setzt, sollte wissen, was ein Verlust bedeutet. Niemand wird dadurch mutig, dass er Gefahren einfach ignoriert. Aber aus dieser notwendigen Sorgfalt folgt nicht, dass die sicherste Möglichkeit immer die richtige ist. Eine Entscheidung kann gut durchdacht sein und trotzdem einen ungewissen Ausgang haben.
Außerdem ist Sicherheit ungleich verteilt. Wer Geld, Unterstützung und eine Rückkehrmöglichkeit hat, kann mehr ausprobieren als jemand, der schon mit dem Alltag ringt. Es wäre billig, allen Menschen dieselbe Risikobereitschaft abzuverlangen. Mut lässt sich deshalb auch nicht an der Größe eines Abenteuers messen. Für den einen ist ein beruflicher Neustart ein überschaubares Experiment. Für den anderen ist schon ein ausgesprochenes Nein ein Wagnis.
Ich habe durch meinen Schlaganfall erfahren, wie plötzlich ein Lebensplan seine Gültigkeit verlieren kann. Das macht mich nicht zum Fürsprecher jeder riskanten Entscheidung. Es hat aber mein Verhältnis zu der Vorstellung verändert, man müsse nur vorsichtig genug sein, damit das eigene Leben verlässlich bleibt. Es gibt Brüche, die sich durch keine vernünftige Planung verhindern lassen. Und danach bleibt die Frage, was man mit dem Leben macht, das noch möglich ist.
Gerade deshalb möchte ich Sicherheit nicht mit Lebensqualität verwechseln. Ich kann meine Möglichkeiten so weit einschränken, dass kaum noch etwas Unvorhergesehenes geschieht. Dann habe ich möglicherweise einiges vermieden. Ob ich dadurch gut gelebt habe, ist eine andere Frage. Selbstbestimmung bedeutet für mich auch, Unsicherheit hinzunehmen, wenn mir etwas wichtig genug ist.
Dazu muss niemand jeden Tag Grenzen überwinden. Ruhe kann eine selbstbestimmte Entscheidung sein. Ein vertrautes Leben kann genau das richtige sein. Entscheidend ist, ob ich es gewählt habe oder ob ich darin geblieben bin, weil jede andere Möglichkeit vorsorglich für unvernünftig erklärt wurde.
Eine Gesellschaft, die Mut ernst nimmt, müsste deshalb auch anders auf das Scheitern reagieren. Sie müsste unterscheiden zwischen gedankenlosem Handeln und einem sorgfältig erwogenen Versuch, der nicht gelungen ist. Sonst belohnt sie vor allem diejenigen, die sich möglichst wenig angreifbar machen. Und sie erzieht Menschen dazu, ihr Leben nach der Frage auszurichten, wofür sie später am wenigsten kritisiert werden können.
Ich möchte vor einer Entscheidung wissen, was schiefgehen kann. Aber ich möchte ebenso wissen, was verloren geht, wenn ich nichts ändere. Welche Möglichkeiten verstreichen? Wie lange verschiebe ich etwas, das mir wichtig ist? Und auf welche Sicherheit warte ich eigentlich?
Wir lernen früh, uns vor dem Scheitern zu schützen. Viel seltener lernen wir, uns vor einem ungelebten Leben zu schützen. Dabei verdient auch dieses Risiko unsere Aufmerksamkeit.

Ähnliche Beiträge